Spinalkanalstenose
Es gibt ein Beschwerdebild, das man an einem einzigen Satz erkennt: „Ich kann nicht mehr weit gehen, aber Fahrradfahren geht problemlos.” Wer das sagt, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Verengung des Wirbelkanals an der Lendenwirbelsäule.
Das Leitsymptom ist die Gehstrecke
Eine Spinalkanalstenose macht keine Dauerschmerzen. Sie macht Beschwerden, die nach einer bestimmten Gehstrecke auftreten: schwere Beine, Ziehen, Brennen, manchmal Taubheit. Sobald Sie sich hinsetzen, lässt es binnen Minuten nach, und Sie können weitergehen. Beim nächsten Mal wieder nach derselben Strecke.
Typisch ist auch, dass Vorbeugen hilft. Bergauf geht besser als bergab, der Einkaufswagen wird zur Gehhilfe, Radfahren ist beschwerdefrei. Der Grund ist einfach: In der Vorbeuge wird der Wirbelkanal ein Stück weiter.
Wenn die Gehstrecke auf wenige hundert Meter sinkt, ist das keine Kleinigkeit mehr. Dann schrumpft der Radius eines Lebens auf die Entfernung zur nächsten Sitzgelegenheit.
Was sich da verengt
Im Wirbelkanal verlaufen an der Hals- und Brustwirbelsäule das Rückenmark, an der Lendenwirbelsäule die Nervenwurzeln. Angelegt ist dieser Kanal großzügig – so großzügig, dass auch Bandscheibenvorwölbungen darin meist noch Platz finden.
Im Laufe des Lebens kann es eng werden. Die Bandscheiben verlieren an Höhe, die kleinen Wirbelgelenke verdicken, Bänder werden dicker. Keines dieser Dinge ist für sich krankhaft; zusammen können sie den Kanal so weit einengen, dass die Nerven bedrängt werden. Bedrängte Nerven sind schlechter durchblutet – und darum treten die Beschwerden unter Belastung auf, wenn der Bedarf steigt.
Die Verwechslung, die häufig vorkommt
Beinschmerzen nach einer bestimmten Gehstrecke gibt es auch bei einer Durchblutungsstörung der Beinarterien, der sogenannten Schaufensterkrankheit. Die Beschwerden ähneln sich so sehr, dass die Unterscheidung zur Untersuchung gehört und nicht ins Raten.
Zwei Unterschiede helfen weiter: Bei der Spinalkanalstenose bessert Vorbeugen die Beschwerden, und Radfahren ist meist beschwerdefrei. Bei der Durchblutungsstörung hilft Stehenbleiben, unabhängig von der Haltung, und Radfahren macht dieselben Beschwerden. Wir tasten deshalb die Fußpulse und veranlassen bei Zweifeln eine Gefäßuntersuchung.
Was wir tun
Die Behandlung ist in aller Regel zunächst nicht-operativ, und sie steht auf drei Beinen.
Bewegung, und zwar die richtige
Krankengymnastik mit einem Heimübungsprogramm und gezieltes Training der Rumpfmuskulatur. Es geht dabei nicht nur um Kraft, sondern um Beweglichkeit in der Vorbeuge und um die Durchblutung der Nerven. Wer die Gehstrecke schrittweise wieder aufbaut, statt sie zu meiden, kommt weiter.
Dafür gibt es Programme, die Ihre Krankenkasse vollständig bezahlt und die genau darauf zielen.
Gezielte Injektionen
Schmerzmittel wirken bei diesem Beschwerdebild oft enttäuschend, weil das Problem kein reiner Schmerz, sondern ein gereizter, schlecht versorgter Nerv ist. Gezielte Injektionen helfen hier häufig besser.
Zwei Verfahren setzen wir ein: die periradikuläre Therapie, kurz PRT, bei der wir unter Röntgenkontrolle ein entzündungshemmendes Medikament direkt an die betroffene Nervenwurzel bringen, und die peridurale Injektion, bei der es in den Wirbelkanal selbst eingebracht wird. Beides ist bei uns eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen.
→ Mehr über die PRT: Ablauf, Kosten und wann sie sinnvoll ist
Infiltration der kleinen Wirbelgelenke
Wenn der Anteil der verdickten Wirbelgelenke im Vordergrund steht, behandeln wir diese gezielt.
Wann eine Operation infrage kommt
Wenn diese Möglichkeiten über einen angemessenen Zeitraum ausgeschöpft sind und die Gehstrecke Ihr Leben weiterhin bestimmt, kann eine Operation deutliche Erleichterung bringen. Meist lässt sie sich minimalinvasiv durchführen; entlastet wird genau die Stelle, an der es eng ist.
Anders als beim Bandscheibenvorfall löst sich eine Spinalkanalstenose nicht von selbst auf – der Verschleiß bleibt. Abwarten ist hier also kein Weg zur Heilung, sondern eine Entscheidung darüber, wie man mit der Einengung lebt. Dass sich die Beschwerden trotzdem oft jahrelang stabil halten oder unter Behandlung bessern, spricht dafür, den nicht-operativen Weg ernsthaft zu gehen, bevor man operiert – und gegen die Vorstellung, dass jede Einengung im Bild operiert gehört.
Wir operieren selbst nicht. Wenn Ihnen eine Operation vorgeschlagen wurde und Sie unsicher sind, schauen wir uns Befunde und Bilder ohne eigenes Interesse am Ausgang mit Ihnen an.
Wann Sie nicht abwarten dürfen
Ein Kontrollverlust über Blase oder Darm, ein Taubheitsgefühl im Bereich von Damm, Gesäß und Oberschenkelinnenseiten oder eine rasch zunehmende Schwäche in einem Bein gehören sofort in eine Notaufnahme. Diese Zeichen sind selten, aber sie vertragen kein Zuwarten.
Häufige Fragen
Warum kann ich Fahrrad fahren, aber nicht spazieren gehen?
Weil Sie auf dem Rad vorgebeugt sitzen. In dieser Haltung ist der Wirbelkanal weiter, und die Nerven haben mehr Platz.
Wird das zwangsläufig schlimmer?
Nicht zwangsläufig. Die Einengung bildet sich zwar nicht zurück, aber viele Verläufe bleiben über Jahre stabil, und die Gehstrecke lässt sich durch Training oft wieder verlängern.
Ist die Enge auf dem Bild entscheidend?
Nein. Wie eng es aussieht und wie stark die Beschwerden sind, hängen nur lose zusammen. Behandelt werden Ihre Beschwerden, nicht Millimeter.
Hilft ein Korsett oder eine Bandage?
Kurzfristig manchmal, dauerhaft nicht – und mit dem Nachteil, dass die Muskulatur abbaut, die Sie eigentlich brauchen.
Kann ich Sport treiben?
Ja, und Sie sollten. Radfahren, Schwimmen, Rudern und Krafttraining sind meist gut möglich. Alles, was die Vorbeuge zulässt, ist Ihr Freund.
