Gedanken

Die verlorene Kunst des Heilens

Das Gesundheitssystem fragt: Wer soll das alles bezahlen? Eine bessere Frage wäre: Wissen wir überhaupt noch, was Heilen bedeutet? Bernard Lown hat das Problem 1996 beschrieben. Dreißig Jahre später hat sich nichts verändert — außer dass es kaum noch jemanden stört.

Diese Worte stammen von Bernard Lown. Es ist der Titel seines 1996 veröffentlichten gleichnamigen Buches. Ich habe ihn mir geliehen und ich denke Dr. Lown wird mir nicht grollen. Er war ein US-amerikanischer Kardiologe, der den Herzschrittmacher mitentwickelt hat, war Mitbegründer der Organisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) und bekam dafür einen Friedensnobelpreis. Mir geht es jedoch darum, dass er auch einfach ein praktizierender Arzt war, etwas bemerkte und dies auch kommunizierte. Wir bemerken alle irgendwie und irgendwann etwas, aber wer verfolgt schon diese Gedanken stetig weiter und kommuniziert diese dann auch noch? Dr. Lown hat mir als erster Hilfestellung bei diesem oft unbemerkt, an uns allen nagenden Problem gegeben. Dass sein Buch vor mittlerweile 30 Jahren erschien und seine Beobachtungen damit hauptsächlich aus dem westlichen Medizinsystem vor 1996 stammen, mindert die Aktualität nicht, im Gegenteil: Ich habe nun 20 Jahre im deutschen Medizinsystem als Arzt verbracht und finde auch heute noch die gleichen ungelösten Probleme vor, die im Verborgenen unbewusst wirken und kaum Thematisierung erfahren, da es scheinbar gewichtigere Themen im Gesundheitssystem gibt. Aktuell vornehmlich „Wer soll das alles bezahlen?“, wobei die verlorene Kunst des Heilens mitursächlich für diese Frage sein könnte oder zumindest ein Teil des Problems und eventuell sogar auch ein Teil ihres Lösungsweges sein könnte. Auf jeden Fall hat das stetige Bewusstmachen von Problemen der Menschheit eher geholfen voranzukommen, als es auf sich beruhen zu lassen. Daher lohnt es sich an Dr. Lown anzuknüpfen, d. h. genauer hinzuschauen und es zu kommunizieren.

Medizin ist eine Kunst

Eine Kunst kann man nicht nur aus theoretischen Unterweisungen erlernen. Es braucht entweder einen genialen Geist, der sich selbst entwickelt oder jemanden, von dem man sich die Kunst abgucken kann. Ich möchte bei den letzteren bleiben.

Durch das Abgucken werde ich zum Handeln angeleitet. Dies benötigt dann eine Korrektur, um verbessert zu werden. Hierfür benötige ich Hinweise und Verbesserungsanleitungen, die gezielt auf meine individuellen Schwierigkeiten abgestimmt sind. So wächst man im professionellen Können und in der persönlichen Entwicklung, da in einer Kunst, die viel Kommunikation beinhaltet, beides miteinander verwoben ist.

Für diese persönliche Korrektur und Begleitung bei diesem Prozess hat sich ein Mentoren-System bewährt. Leider lässt die moderne westliche Kultur genau dieses Konzept missen.

Gesellschaft und Orientierungsverlust

Dies ist nicht nur ein medizinisches Problem. Durch den Wegfall von gesellschaftlichen Leitschienen wie Tradition, Religion, Philosophie oder ähnliches, aus denen die Mentoren und die personalisierte Wegbegleitung entstanden, wurde das Individuum zwar unendlich frei, musste aber auch seine Konzepte der Orientierung und des Wachstums alleine entwickeln. Viele scheitern daran. Als Beispiel: Der Jugend liegt nahezu die Ganze Welt in Ausbildung, Aufenthaltsort und Werdegang zu Füßen und dennoch hat sie teilweise größte Probleme einen Fuß in die Tür der Welt zu bekommen. Vielleicht wurde da dem Individuum zu viel zugemutet. Traditionen, Religionen, Philosophien und ähnliches wurden über viele Generationen von Menschen entwickelt und sind gewachsen. All das in eine einzige Menschenlebenszeit zu pressen klingt überfordernd. Hinzu kommt, dass genau in der Phase der größten Veränderungen mit größter Orientierungslosigkeit am Übergang von Kind – Jugendlichen – Erwachsenen, einem Menschen dieses Problem aufgebürdet wird. Notgedrungen wird die Inspiration durch Vergleiche mit anderen geholt, und dies häufig in der verzerrten Realität der Social Media, welche einen in den Strudeln der scheinbar unendlichen Möglichkeiten zieht. Verständlich, dass die Psyche hierdurch belastet wird und das Selbst in diesen Strudeln verloren gehen kann. Eine Leitschiene, eine Hilfestellung, ein Mentor wäre auch in diesen Belangen hilfreich. Vor allem für das Erkennen seiner selbst. Denn dies ist notwendig, um einen für seine wahre Natur passenden Lebensweg einschlagen zu können. Aber der moderne europäische Mensch ist diesbezüglich weitestgehend allein gelassen, so dass viele auf der Strecke bleiben.

Die Medizin als Spiegel

In der Medizin zeigt sich ein ähnliches Bild. Einerseits bringen Ärzte als Teil der modernen Gesellschaft ebenso die vorher skizzierten Schwierigkeiten des unbekannten Selbst mit. Andererseits fehlen auch hier die Mentoren für eine medizinische Ausbildung. Das Auswendiglernen von Fakten und das beiläufige Anschauen wie es in der Realität angewendet wird, reicht nicht aus, um wahre Meisterschaft in der Kunst des Heilens zu erlangen. Heilen bedeutet nicht Faktenwissen abzurufen und entsprechend zu handeln, sondern den Gesamtkontext des erkrankten Menschen zu erfassen und diesbezüglich Hilfeleistung zu stellen. Also die Standardbehandlungen, nach dem Erfassen des ihm gegenübersitzenden Individuums und die Einbettung seiner Erkrankung in seine individuelle Lebenskonstellation, anzupassen und es dem Erkrankten verständlich zu präsentieren, so dass er beginnt, der eigenen Heilung dienlich zu handeln. Dies ist die wahre Kunst des Heilens. Aber wie soll jemand ein fremdes Individuum erfassen, wenn er sein eigenes nicht fassen kann? Wie soll jemand Orientierung geben, wenn er selbst keine hat? Hier spiegelt sich das oben genannte Problem.

Fehlende Mentoren bleibt ein Problem in allen Ebenen

Um einen Patienten „gut“ zu behandeln, müsste ich ihm nach seinem Erkennen eine Art Orientierung mitgeben. Schwierig, wenn ich mich selbst nicht erkennen kann und selbst keine Orientierung habe. Die Psychotherapeuten versuchen dieses Problem mit der Selbsterfahrung anzugehen, die einem Abschluss einer psychotherapeutischen Ausbildung vorgeschaltet ist. Im somatisch-medizinischen Bereich gibt es so etwas nicht.

Ärzte sind Menschen und brauchen im Allgemeinen wie im Fachlichen ebenso Leitschienen und Feedback, um zu wachsen und auf die Kunstschiene zu geraten. Diejenigen, die dieser Aufgabe nachkommen sollten, die Ausbilder, scheitern aus mehreren Gründen. Viele sind selbst schon ein Produkt dieses unzulänglichen Systems. Wie soll jemand etwas weitergeben was er selbst nicht hat? Andere werden durch die Ausrichtung des modernen Medizinsystems als profitorientiertem Dienstleister von dieser Aufgabe abgehalten. Auf dem Papier gibt es zwar diverse Vorgaben von Tutorschaft und ähnliches, praktisch ist die Umsetzung jedoch systembedingt nicht möglich. Und dabei könnte eine Ausbildung ohne Universität und mit reiner Mentorschaft bereits alleine sehr viel bewirken. Ein Bild, das mich dabei begleitet findet sich in dem Film „Gottes Werk & Teufels Beitrag (The Cider House Rules)“, in dem ein Junge in einer abgeschiedenen ländlichen Region die ärztliche Kunst rein durch Mentorschaft erlernt. Es ist das älteste Prinzip der menschlichen Weitergabe von Wissen, Haltung und Können und wurde durch die Institutionen der Wissensvermittler, wie Universitäten, unter dem Deckmantel der Professionalisierung abgelöst. Wenn man diese scheinbare Verbesserung einer sokratischen Prüfung unterziehen würde, schwant mir, dass sie in Bezug auf die Kunst des Heilens vielleicht nicht standhalten könnte…

Was folgt?

Zusammenfassend sollte es eine Aufgabe der Ärzte sein, in der Krankheitsgenesung Orientierung zu geben. Schwer, wenn der Lieferant selbst kaum Orientierung hat, beim Versuch diese zu liefern systembedingt beschnitten wird und der Boden auf dem die wenigen abgerungenen Tropfen fallen noch nicht bestellt ist.

Wir finden hier eventuell keine Lösung. Jedoch in der Tradition der Stoiker landen wir bei etwas, was diese als Aporie beschrieben haben. Ein Zustand, in dem wir zwar keine Lösung gefunden haben, aber uns das Unwissen und der Konflikt bewusst wurde. Dies ist der Ausgangspunkt, um weiter an dem Problem arbeiten zu können.

Das Bewusstsein für das hier geschilderte Problem ist selten. Und die konkrete Benennung des Problems noch seltener. Damit wäre das Setzen der Aporie der sinnvolle erste Schritt.

Als nächstes bräuchte es Ideen, Vorschläge oder wenigstens einen Einwand, um die Aporie zu testen und gegebenenfalls einen Schritt weiter zu kommen. So wie Sokrates sagte, wir wissen nichts, daher lassen Sie uns ein Konstrukt aufbauen und schauen, ob es trägt. Haben Sie eine Idee?

Nicolai Schurbohm.

Die verwehrte Kunst des Heilens

Mein Heizungsbauer würde nie in einen Betrieb investieren, bei dem er nur nach Pauschalen abrechnen darf und die eigenen Preise nicht bestimmen kann. Als Kassenarzt tue ich genau das. Was das System daraus macht — und was dabei auf der Strecke bleibt.

In unserem vorherigen Gedanken haben wir erwogen, dass die Heilkunst auch eine zwischenmenschliche Interaktion ist.

Gute“ Medizin braucht ein fundiertes fachliches Wissen und Können, Kenntnis der neuesten wissenschaftlichen Einsichten und die richtige Wertung von maschinell erhobenen Befunden in Bezug zum vorliegenden Prozess der Diagnose- und Therapie-Findung. Wenn man diesen Prozess mechanisch abhält – hier habe ich das Bild eines zwischenmenschlich unbeholfenen, aber vor Wissen übersprudelnden Professors im Kopf, der mit Fachwörtern um sich wirft – liegt man zwar richtig, aber die meisten bevorzugen doch die Aussage ihres Hausarztes, obwohl dieser im Vergleich zum Professor über ein geringeres Spezialwissen verfügt, einem aber doch näher ist und die persönliche Geschichte kennt. Wir vertrauen also eher jemandem, der uns die Diagnose verständlich erklärt, in unseren persönlichen Kontext einbettet und dabei auf unsere entstehenden Gedanken, Ängste und Befürchtungen hierzu eingeht, so dass wir unsere Erkrankung und das weitere Vorgehen explizit und implizit verstehen. Die „gute“ Medizin ist also ein Prozess der vertrauensvollen Zusammenarbeit von Arzt und Patient. Der Arzt führt wissenschaftlich professionell und der Patient emotional ich-bezogen. So zeigen es auch die Studien.1

Eine tragfähige zwischenmenschliche Interaktion, die Verständnis, Wärme und Nähe transportiert, benötigt jedoch einen entsprechenden Rahmen in der sie gedeihen kann. Ich habe hier bewusst „gedeihen“ gewählt, was impliziert, dass es ein Prozess über Zeit ist und Zutaten benötigt. Die aktuellen medizinischen Begebenheiten liefern nur wenige dieser Zutaten, die vorwiegend Individualität in der Beratung und Kontinuität der Beziehung sind, was ein angemessenes Kontingent an Zeit bedeutet.

Warum das derzeitige System einer „gute“ Medizin entgegensteht.

Zwei Faktoren des gesetzlichen Gesundheitssystems nehmen dem Arzt-Patienten-Kontakt, der eigentlichen ärztlichen Kernaufgabe, die auch wesentlich dem Patient genügt, seinen Raum. Der Kostendruck und die Bürokratie.

Der Kostendruck entsteht durch die pauschalisierte Vergütungsstruktur, die sich an der Untergrenze des finanziell machbaren orientieren sollte. Teilweise liegt die Vergütung auch unter dem wirtschaftlich machbaren, so dass einige Leistungen nicht mehr erbracht werden können. Vergleichen Sie hierzu zum Beispiel die Mandel-OP bei Kindern der HNO-Heilkunde.2

Andere Leistungen werden durch die Aufnahme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen in ihrer Wirksamkeit durch eine niedrige Vergütung verstümmelt. Zum Beispiel ist die Akupunktur eine althergebrachte Therapieform, die sich in den GERAC-Studien (2002-2007) als wirksam bewiesen hat und dann zu einer Kassenleistung wurde. Die Wirksamkeit der Akupunktur wurde jedoch im System der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) erreicht, was auf eine umfassende Anamnese und Untersuchung im Stil der TCM inkl. Beurteilung der Lebensführung und der Ernährungsgewohnheiten des Patienten basiert. Die sich hieraus ergebende Therapie wird stetig bei jeder Sitzung angepasst. Es bildet sich so eine tragfähige zwischenmenschliche Interaktion, die Zeit bedarf. Diese Zeit kann nur bei einer entsprechende Vergütung Raum finden. Und da sind wir wieder. Die Akupunktur wird zwar in der Kassenmedizin vergütet, aber so gering, dass ein Beziehungsaufbau und eine Therapie nach Art der TCM nicht möglich ist. Ich biete diese verstümmelte Form der Akupunktur trotzdem in meiner Praxis an, da diese besser ist als keine, aber nur so, wie ich es wirtschaftlich erbringen kann. Eine geringe Vergütung und hoher Zeitaufwand der verbundenen Bürokratie geben den Rahmen vor.

Ein anderes Beispiel ist die Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT). Es ist ein wirksames, nicht-operatives Verfahren zur Behandlung von Sehnen- und Sehnenansatz-Erkrankungen wie zum Beispiel der Plantarfasziitis, volkstümlich besser bekannt als „Fersensporn“. Dort wurde es nach wissenschaftlichem Nachweis der Wirksamkeit ebenso eine Kassenleistung mit geringer Vergütung. Es wird je Sitzung eine Vergütung von 31,47€ vorgesehen, wobei das Gerät ca. 40.000,-€ kostet und nur eine begrenzte Lebenszeit von zwei Millionen Stoßwellen aufweist. Danach muss ein Revisionskit im Werte von ca. 6.000,-€ her, um wieder zwei Millionen Stoßwellen generieren zu können. Weiterhin bedarf es jährliche medizintechnische und sicherheitstechnische Kontrollen und Wartungen die mehrere Tausend Euro ausmachen. Die Wirkung der Behandlung hängt auch von der Anzahl der pro Sitzung applizierten Stoßwellen ab. Wenn man nun die Anschaffungskosten, die Unterhaltskosten, die Arztzeit während der Behandlung (ca. 15 Minuten) und die geforderte Bürokratie der Behandlung zusammenzieht, kann man diese Leistung nicht wirtschaftlich erbringen. Wenn man diese Behandlung als Kassenleistung durchführen würde, dann aber gezwungener Maßen nicht in dem Umfang wie es in den Studien vorgegeben ist, da man die Kosten im Blick behalten muss.

In den Arztpraxen kommt ein weiterer Faktor hinzu der den Kostendruck immens erhöht. Die Budgetierung. Dem Arzt wird pro Quartal ein fixer Euro-Betrag zugesprochen. Nach aufbrauchen dieses Budgets werden erbrachten Leistungen nur anteilig vergütet. Bei den Orthopäden in Hamburg derzeit mit ca. 40%. Die Konsultation eines niedergelassenen Orthopäden in Deutschland wird aktuell pauschal mit 24,46€ vergütet. Bei Budgetüberschreitung nur noch mit 9,78€, Tendenz fallend.

Diese Pauschale gilt nicht je Konsultation, sondern pro Quartal und entspricht nicht dem Gewinn, sondern ist die Abgeltung für alle anfallenden Praxiskosten in der Zeit der Konsultation, aller Kosten der Vorhaltung der Arztpraxis und alle Kosten von evtl. folgenden Angelegenheiten wie Folgeverordnungen, Nachfragen oder ähnliches. Ich bin immer wieder erstaunt, was nicht alles in diesen 24,46€ enthalten sein soll, wenn ich zum Beispiel am Wochenende vor dem Bürokratieberg meiner Praxis sitze oder wieder mal selbst unsere Praxis-IT repariere, weil die IT-Spezialisten 130€ Netto pro Stunde verlangen. Vielleicht findet der eine oder andere Leser das ja auch so erstaunlich wie ich. Bedenken Sie einmal die durchschnittlichen Preise eines Friseurs pro Konsultation oder die ständigen Debatten um bis zu 15% Lohnerhöhung in anderen Berufen.

Das Spiel heißt also mit 24,46€ zurechtzukommen bzw. wirtschaftlich zu überleben. Ich hatte mich dazu entschieden dieses Spiel mitzuspielen. Und wenn man erstmal die Kreditverträge für den Kauf seiner Arztpraxis unterschreiben hat und mit seinem Privatvermögen für die übernommene Einrichtung des staatlichen Gesundheitswesens haftet, ist man nicht mehr bei „wünsch dir was“, sondern plötzlich bei „so ist es“. Eigentlich etwas irre mit seinem Privatvermögen das staatliche Gesundheitssystem zu bilden, und das noch, ohne dass man selbst Regulationsmöglichkeiten bzgl. der Preisgestaltung hat. Mein Heizungsbauer hat mal zu mir gesagt, als wir irgendwie auf dieses Thema kamen, dass er nicht in einen Betrieb investieren würde, bei dem er nur nach Pauschalen abrechnen dürfte, da der Aufwand einer Installation oder Reparatur sich nie so genau voraussagen lassen. Und wenn er dann zusätzlich seine eigenen Preise nicht bestimmen dürfte, hätte er größte Schwierigkeiten seine Betriebskosten zu decken, die sich stets ändern. Da hat er gar nicht mal so unrecht. Wir Ärzte im staatlichen Gesundheitssystem sind wesentlich auf die vernünftige Führung des Gesetzgebers angewiesen, der die Vergütung und Preisgestaltung gesetzlich vorgibt. Mir kommen aber immer mehr Zweifel, ob der Gesetzgeber seinen ethisch moralischen Verpflichtungen nachkommt. Es hagelt immer nur neue Spargesetze. Aber wieviel kann man an den 24,46€ noch einsparen?

Was das System damit bewirkt.

Zurück zu unserem Spiel. Es wird ersichtlich, dass sich aus dem oben gesagten gezwungenermaßen einige wirtschaftliche Spielregeln für die niedergelassenen Ärzte ergeben:

1. Spielregel: Was vom Gesetzgeber her in den 24,46€ nicht zwingend enthalten sein muss, wird nicht erbracht. Reduktion auf ein Minimum.

Gefordert wird der Arzt-Patienten-Kontakt, der auf ein zeitliches Minimum reduziert werden muss, und die Bürokratie, die viel Zeit benötigt. Derzeit produziert eine Minute Patientenkontakt durchschnittlich 3 Minuten Bürokratie. Bezeichnenderweise tarnt sich viel dieses Zeiträubers, der die Qualität der ärztlichen Behandlung mindert, als gesetzlich vorgeschriebene „Qualitätssicherung“.

Was keinen Platz mehr findet sind zeitlich intensive Untersuchungen oder Behandlungen sowie ausführliche Gespräche und Beratungen. Es muss sich auf das Notwendigste beschränkt werden. Auch wiederholte Arzt-Patienten-Kontakte sind eigentlich nicht drin. Und damit kann sich kaum eine tragbare menschliche Interaktion mit einer fruchtbaren zwischenmenschlichen Beziehung für menschliches Wachstum und Führung entwickeln.

2. Spielregel: Masse statt Klasse.

Reduktion der Termindauer auf ein Mindestmaß und „durchpeitschen“ der Patienten durch die Sprechstunde. Ein Zeitverzug kann bei enger Taktung nicht geduldet werden, denn es bauen sich sonst Wellen und Wartezeiten auf, die man nicht kompensiert bekommt. Das ist für beide Seiten anstrengend. Der Patient hat Stress seine Anliegen unterzubringen und der Arzt hat Stress den Zeitrahmen einzuhalten. Und das jeden Tag.

Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen und stellen sie sich einmal vor, sich einfach nur im zehn Minuten Takt mit wechselnden Menschen zu unterhalten und die Inhalte dann parallel zu notieren. Lassen sie da einfach den Prozess der Diagnoseerstellung und Therapieplanung weg. Wieviele Stunden täglich würden sie das durchhalten?

3. Spielregel: Was Geld bringt muss bevorzugt werden und was kein Geld bringt muss vermieden werden.

Eine Zusatzvergütung gibt es, wenn überhaupt, nur bei Interventionen oder der Verwendung von Geräten. Dies führt zu einer monetär getriggerten Patientenselektion. Nicht aus Geldgier, sondern des Umsatzdruckes wegen. Was alles vermieden werden muss, können sie sich selbst vorstellen. Auf der Strecke bleibt zum Beispiel auch eine der wirksamsten Instrumente der Medizin, die Prävention. Viele Studien haben gezeigt, dass Prävention kostengünstiger ist, als die Behandlung von Erkrankungen. Prävention wird aber nicht vergütet.

Privatpatienten werden bevorzugt, da hier nicht pauschalisiert, sondern leistungsorientiert pro Kontakt vergütet wird. Zwar zu den gesetzlich vorgeschriebenen Preisen von 1996, aber um Längen besser als in den Pauschalen der gesetzlichen Krankenkassen. Früher galt die Faustregel, dass der Umsatz aus der Kassenmedizin die Betriebskosten der Praxis deckt und der Umsatz der Privatmedizin das Gehalt des Arztes erwirtschaftet. Durch den Rückgang der Vergütung der Kassenmedizin decken, diese Umsätze die Betriebskosten nicht mehr und es muss ebenso durch den Privatumsatz gestützt werden. Hier findet also eine Quersubvention der Kassenmedizin durch die Privatmedizin statt. Dies will keiner wahrhaben. Stattdessen werden die Ärzte angeprangert, weil Privatpatienten bevorzugen und sich damit eine goldene Nase verdienen würden. Diese Vorwürfe können sie nun hoffentlich besser einordnen.

Ein weiterer Punkt, der vermieden werden muss, sind Terminausfälle. Ca. 15% der Termine bei Fachärzten werden nicht wahrgenommen. Dies ist für die Praxen natürlich eine kleine finanzielle Katastrophe, wenn die kalkulierten 24,46€ dann auch noch gänzlich wegfallen. Ein Kompensationsmechanismus hierfür, zum Beispiel ein Ausfallhonorar seitens der gesetzlichen Krankenkasse, wurde vom Gesetzgeber mehrfach abgelehnt und ist ohne die Mithilfe des Gesetzgebers derzeit zivilrechtlich schwer umsetzbar. In diesem Punkt werden die Praxen allein gelassen. Daher beantworten einige Kollegen diese Frage mit einer Mehrfachbelegung von Terminen, was zu langen Wartezeiten im Wartezimmer führen kann, wenn doch alle terminierten Patienten kommen.

Ein weiterer Punkt der fällt, ist die ärztliche Ausbildung. Für die Ausbildung sind kein Zeitkontingent oder finanzielle Mittel vorgesehen. Sie wurde bisher „so nebenbei“ erbracht. Dies ist nun nicht mehr möglich. Ich habe zwar eine Weiterbildungsberechtigung, kann mir aber seit Jahren keinen Weiterbildungsassistenten leisten. Das Gehalt des Assistenten und die Bemühungen des Ausbilders müssen, wie alles, vom Budget getragen werden. Zusatzmittel gibt es nur selten und wenn überhaupt, dann nicht im ausreichenden Maße.

Was ergibt sich daraus?

Fließbandarbeit und Gießkannenprinzip. Krankmachend und fehleranfällig.

Krankmachend weil man stets unter Druck steht und dabei bitte immer hübsch freundlich, empathisch und gelassen sein soll. Der Mensch, der in dem Arzt steckt, leidet. Ca. 50% der Praxisärzte sind hochgradig unzufrieden mit ihrem Job.3 Jeder vierte Arzt leidet an depressiven Symptomen, jeder achte an Burnout.4 Deutlich mehr als im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung oder mit Ärzten anderer Länder.

Fehleranfällig, weil zum Beispiel relevante Informationen nicht erfragt oder hinzugezogen werden können. Zum Beispiel ist es nicht zu schaffen, in den zehn Minuten der Konsultation einen fünf seitigen Krankenhausbericht zu lesen. Außerhalb der Konsultation auch nicht, da die bürokratischen Berge zu bewältigen sind.

Mit Gießkannenprinzip meine ich eine gleichförmige Behandlung von unterschiedlichen Patienten statt individualisiertes Vorgehen. Dies ist zeitlich und kostentechnisch effizienter, nicht aber medizinisch. Als Beispiel möchte ich den Bereich der chronischen Schmerzen heranziehen, deren Therapie im Wesentlichen nur durch Verständnis des eigenen Schmerzes mit anschließender Handlungsveränderung des Patienten gelingen kann. Es gibt viele gute patientenorientierte Erklärungsmodelle des chronischen Schmerzes. Jedoch keine dieser Modelle kann im geforderten Gießkannenprinzip unter Kosten- und Zeitdruck ohne Individualisierung wirken. Jeder Mensch versteht seinen Schmerz anders und findet sich in unterschiedlichen Therapiewegen wieder. Daher empfinden Patienten und viele Therapeuten die angebotenen Schmerztherapien oft als nicht hilfreich. Und so fehlt es oft an allen Ecken und Enden, was das große Scheitern der Schmerztherapie und die Epidemie der chronischen Schmerzen mit erklärt.

Und nun?

Ein wesentlicher Teil der Heilbehandlung ist, was Hippokrates schon vor zweitausend Jahren aufgefallen ist, das Zwischenmenschliche. DieHeilkunst“, im Sinne von Hippokrates, kann nicht erbracht werden. So leben wir zwar dank der modernen Technik länger, sind aber kränker.

Auch hier landen wir wieder in der Aporie der alten Griechen. Wie kann es weitergehen?

Nicolai Schurbohm.

 

Literatur:

1.: Birkhäuer J, Gaab J, Kossowsky J et al.: Trust in the health care professional and health outcome: A meta-analysis. PLoS ONE 2017; 12(2): e0170988.

2.: Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte e.V.: Unterfinanzierung von Kinderoperationen. Pressemitteilung, 09.01.2023. www.hno.ag

3.: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi): Zi-Praxis-Panel. Ergebnisse Q1/2023. Berlin, September 2023.

4.: Medscape: Burnout und Depressionen bei Ärzten in Deutschland. Umfrage, März 2019.

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