Gedanken

Die verlorene Kunst des Heilens

Das Gesundheitssystem fragt: Wer soll das alles bezahlen? Eine bessere Frage wäre: Wissen wir überhaupt noch, was Heilen bedeutet? Bernard Lown hat das Problem 1996 beschrieben. Dreißig Jahre später hat sich nichts verändert — außer dass es kaum noch jemanden stört.

Diese Worte stammen von Bernard Lown. Es ist der Titel seines 1996 veröffentlichten gleichnamigen Buches. Ich habe ihn mir geliehen und ich denke Dr. Lown wird mir nicht grollen. Er war ein US-amerikanischer Kardiologe, der den Herzschrittmacher mitentwickelt hat, war Mitbegründer der Organisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) und bekam dafür einen Friedensnobelpreis. Mir geht es jedoch darum, dass er auch einfach ein praktizierender Arzt war, etwas bemerkte und dies auch kommunizierte. Wir bemerken alle irgendwie und irgendwann etwas, aber wer verfolgt schon diese Gedanken stetig weiter und kommuniziert diese dann auch noch? Dr. Lown hat mir als erster Hilfestellung bei diesem oft unbemerkt, an uns allen nagenden Problem gegeben. Dass sein Buch vor mittlerweile 30 Jahren erschien und seine Beobachtungen damit hauptsächlich aus dem westlichen Medizinsystem vor 1996 stammen, mindert die Aktualität nicht, im Gegenteil: Ich habe nun 20 Jahre im deutschen Medizinsystem als Arzt verbracht und finde auch heute noch die gleichen ungelösten Probleme vor, die im Verborgenen unbewusst wirken und kaum Thematisierung erfahren, da es scheinbar gewichtigere Themen im Gesundheitssystem gibt. Aktuell vornehmlich „Wer soll das alles bezahlen?“, wobei die verlorene Kunst des Heilens mitursächlich für diese Frage sein könnte oder zumindest ein Teil des Problems und eventuell sogar auch ein Teil ihres Lösungsweges sein könnte. Auf jeden Fall hat das stetige Bewusstmachen von Problemen der Menschheit eher geholfen voranzukommen, als es auf sich beruhen zu lassen. Daher lohnt es sich an Dr. Lown anzuknüpfen, d. h. genauer hinzuschauen und es zu kommunizieren.

Medizin ist eine Kunst

Eine Kunst kann man nicht nur aus theoretischen Unterweisungen erlernen. Es braucht entweder einen genialen Geist, der sich selbst entwickelt oder jemanden, von dem man sich die Kunst abgucken kann. Ich möchte bei den letzteren bleiben.

Durch das Abgucken werde ich zum Handeln angeleitet. Dies benötigt dann eine Korrektur, um verbessert zu werden. Hierfür benötige ich Hinweise und Verbesserungsanleitungen, die gezielt auf meine individuellen Schwierigkeiten abgestimmt sind. So wächst man im professionellen Können und in der persönlichen Entwicklung, da in einer Kunst, die viel Kommunikation beinhaltet, beides miteinander verwoben ist.

Für diese persönliche Korrektur und Begleitung bei diesem Prozess hat sich ein Mentoren-System bewährt. Leider lässt die moderne westliche Kultur genau dieses Konzept missen.

Gesellschaft und Orientierungsverlust

Dies ist nicht nur ein medizinisches Problem. Durch den Wegfall von gesellschaftlichen Leitschienen wie Tradition, Religion, Philosophie oder ähnliches, aus denen die Mentoren und die personalisierte Wegbegleitung entstanden, wurde das Individuum zwar unendlich frei, musste aber auch seine Konzepte der Orientierung und des Wachstums alleine entwickeln. Viele scheitern daran. Als Beispiel: Der Jugend liegt nahezu die Ganze Welt in Ausbildung, Aufenthaltsort und Werdegang zu Füßen und dennoch hat sie teilweise größte Probleme einen Fuß in die Tür der Welt zu bekommen. Vielleicht wurde da dem Individuum zu viel zugemutet. Traditionen, Religionen, Philosophien und ähnliches wurden über viele Generationen von Menschen entwickelt und sind gewachsen. All das in eine einzige Menschenlebenszeit zu pressen klingt überfordernd. Hinzu kommt, dass genau in der Phase der größten Veränderungen mit größter Orientierungslosigkeit am Übergang von Kind – Jugendlichen – Erwachsenen, einem Menschen dieses Problem aufgebürdet wird. Notgedrungen wird die Inspiration durch Vergleiche mit anderen geholt, und dies häufig in der verzerrten Realität der Social Media, welche einen in den Strudeln der scheinbar unendlichen Möglichkeiten zieht. Verständlich, dass die Psyche hierdurch belastet wird und das Selbst in diesen Strudeln verloren gehen kann. Eine Leitschiene, eine Hilfestellung, ein Mentor wäre auch in diesen Belangen hilfreich. Vor allem für das Erkennen seiner selbst. Denn dies ist notwendig, um einen für seine wahre Natur passenden Lebensweg einschlagen zu können. Aber der moderne europäische Mensch ist diesbezüglich weitestgehend allein gelassen, so dass viele auf der Strecke bleiben.

Die Medizin als Spiegel

In der Medizin zeigt sich ein ähnliches Bild. Einerseits bringen Ärzte als Teil der modernen Gesellschaft ebenso die vorher skizzierten Schwierigkeiten des unbekannten Selbst mit. Andererseits fehlen auch hier die Mentoren für eine medizinische Ausbildung. Das Auswendiglernen von Fakten und das beiläufige Anschauen wie es in der Realität angewendet wird, reicht nicht aus, um wahre Meisterschaft in der Kunst des Heilens zu erlangen. Heilen bedeutet nicht Faktenwissen abzurufen und entsprechend zu handeln, sondern den Gesamtkontext des erkrankten Menschen zu erfassen und diesbezüglich Hilfeleistung zu stellen. Also die Standardbehandlungen, nach dem Erfassen des ihm gegenübersitzenden Individuums und die Einbettung seiner Erkrankung in seine individuelle Lebenskonstellation, anzupassen und es dem Erkrankten verständlich zu präsentieren, so dass er beginnt, der eigenen Heilung dienlich zu handeln. Dies ist die wahre Kunst des Heilens. Aber wie soll jemand ein fremdes Individuum erfassen, wenn er sein eigenes nicht fassen kann? Wie soll jemand Orientierung geben, wenn er selbst keine hat? Hier spiegelt sich das oben genannte Problem.

Fehlende Mentoren bleibt ein Problem in allen Ebenen

Um einen Patienten „gut“ zu behandeln, müsste ich ihm nach seinem Erkennen eine Art Orientierung mitgeben. Schwierig, wenn ich mich selbst nicht erkennen kann und selbst keine Orientierung habe. Die Psychotherapeuten versuchen dieses Problem mit der Selbsterfahrung anzugehen, die einem Abschluss einer psychotherapeutischen Ausbildung vorgeschaltet ist. Im somatisch-medizinischen Bereich gibt es so etwas nicht.

Ärzte sind Menschen und brauchen im Allgemeinen wie im Fachlichen ebenso Leitschienen und Feedback, um zu wachsen und auf die Kunstschiene zu geraten. Diejenigen, die dieser Aufgabe nachkommen sollten, die Ausbilder, scheitern aus mehreren Gründen. Viele sind selbst schon ein Produkt dieses unzulänglichen Systems. Wie soll jemand etwas weitergeben was er selbst nicht hat? Andere werden durch die Ausrichtung des modernen Medizinsystems als profitorientiertem Dienstleister von dieser Aufgabe abgehalten. Auf dem Papier gibt es zwar diverse Vorgaben von Tutorschaft und ähnliches, praktisch ist die Umsetzung jedoch systembedingt nicht möglich. Und dabei könnte eine Ausbildung ohne Universität und mit reiner Mentorschaft bereits alleine sehr viel bewirken. Ein Bild, das mich dabei begleitet findet sich in dem Film „Gottes Werk & Teufels Beitrag (The Cider House Rules)“, in dem ein Junge in einer abgeschiedenen ländlichen Region die ärztliche Kunst rein durch Mentorschaft erlernt. Es ist das älteste Prinzip der menschlichen Weitergabe von Wissen, Haltung und Können und wurde durch die Institutionen der Wissensvermittler, wie Universitäten, unter dem Deckmantel der Professionalisierung abgelöst. Wenn man diese scheinbare Verbesserung einer sokratischen Prüfung unterziehen würde, schwant mir, dass sie in Bezug auf die Kunst des Heilens vielleicht nicht standhalten könnte…

Was folgt?

Zusammenfassend sollte es eine Aufgabe der Ärzte sein, in der Krankheitsgenesung Orientierung zu geben. Schwer, wenn der Lieferant selbst kaum Orientierung hat, beim Versuch diese zu liefern systembedingt beschnitten wird und der Boden auf dem die wenigen abgerungenen Tropfen fallen noch nicht bestellt ist.

Wir finden hier eventuell keine Lösung. Jedoch in der Tradition der Stoiker landen wir bei etwas, was diese als Aporie beschrieben haben. Ein Zustand, in dem wir zwar keine Lösung gefunden haben, aber uns das Unwissen und der Konflikt bewusst wurde. Dies ist der Ausgangspunkt, um weiter an dem Problem arbeiten zu können.

Das Bewusstsein für das hier geschilderte Problem ist selten. Und die konkrete Benennung des Problems noch seltener. Damit wäre das Setzen der Aporie der sinnvolle erste Schritt.

Als nächstes bräuchte es Ideen, Vorschläge oder wenigstens einen Einwand, um die Aporie zu testen und gegebenenfalls einen Schritt weiter zu kommen. So wie Sokrates sagte, wir wissen nichts, daher lassen Sie uns ein Konstrukt aufbauen und schauen, ob es trägt. Haben Sie eine Idee?

Nicolai Schurbohm.

Orthopädie und Rehamedizin in Hamburg Rissen
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