Bandscheibenvorfall
Ein Bandscheibenvorfall klingt nach einem Schaden, der repariert werden muss. In den allermeisten Fällen ist er etwas anderes: eine Verletzung, die der Körper selbst wieder auflöst – wenn man ihm die Zeit lässt und die Schmerzen so weit dämpft, dass Bewegung wieder möglich wird.
Diese Seite erklärt, was dabei geschieht, wann Eile geboten ist, was ein Befund im MRT tatsächlich aussagt und wie wir in Hamburg Rissen behandeln.
Wann Sie nicht abwarten dürfen
Drei Beschwerden vertragen kein Zuwarten. Wenn Sie eines davon bemerken, fahren Sie bitte sofort in eine Notaufnahme – nicht zu uns, nicht morgen:
Sie können den Urin nicht mehr halten oder nicht mehr lassen, oder Sie bemerken einen Kontrollverlust über den Stuhlgang.
Das Gefühl im Bereich von Damm, Gesäß und Innenseite der Oberschenkel lässt nach – dort, wo ein Sattel den Körper berührt.
Ein Fuß oder Bein wird innerhalb von Stunden bis Tagen deutlich schwächer, Sie stolpern oder können den Fuß nicht mehr heben.
Diese Kombination kann für ein Cauda-equina-Syndrom sprechen. Es ist selten, aber es ist ein Notfall: Von der Schnelligkeit der Entlastung hängt ab, ob die Nerven sich erholen.
Was im Inneren geschieht
Eine Bandscheibe ist ein sehr leistungsfähiger Stoßdämpfer. In ihrer Mitte sitzt ein Gallertkern, gehalten von ringförmig angeordneten Bindegewebsfasern. Diese Konstruktion hält im Versuch mehr als 1.500 Kilogramm Druck aus, ohne Schaden zu nehmen.
Ihre Schwäche liegt woanders: Die Bandscheibe hat keine eigene Blutversorgung. Sie wird ernährt und repariert allein durch Bewegung, die Flüssigkeit hinein- und herauspumpt. Wer über Jahre einseitig belastet – langes Sitzen ohne Ausgleich ist der Klassiker –, sammelt kleinste Risse in den Bindegewebsfasern an. Wenn auch die äußeren Fasern nachgeben, kann Gallertkern austreten. Das ist der Bandscheibenvorfall.
Warum der Schmerz meist im Bein sitzt
Der Vorfall selbst tut oft gar nicht weh. Beschwerden entstehen erst, wenn er auf eine Nervenwurzel drückt – und dann spüren Sie sie nicht dort, wo der Vorfall liegt, sondern in dem Gebiet, das dieser Nerv versorgt. Deshalb sind ausstrahlende Bein- oder Armschmerzen das eigentliche Leitsymptom, nicht der Rückenschmerz. Je nach Ausmaß kommen Taubheit oder eine Schwäche der Muskulatur hinzu.
Dazu kommt etwas, das viele überrascht: Die Verletzung setzt einen Reparaturvorgang in Gang, und der geht mit einer Entzündung einher. Ein frischer Vorfall schmerzt also aus zwei Gründen – mechanischer Druck und Entzündung. Das erklärt, warum die ersten Wochen oft die schlimmsten sind und warum entzündungshemmende Behandlung gerade dann so viel bringt.
Was ein MRT-Befund aussagt – und was nicht
Ein Befund ist keine Diagnose. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 hat 33 Studien mit 3.110 Menschen ausgewertet, die keinerlei Beschwerden hatten und trotzdem im MRT untersucht wurden. Das Ergebnis: Eine Bandscheibenvorwölbung fand sich bei 30 Prozent der Dreißigjährigen und bei 84 Prozent der Achtzigjährigen. Einen Bandscheibenvorfall im engeren Sinne hatten 29 beziehungsweise 43 Prozent – alle ohne Schmerzen.
Daraus folgt nicht, dass Bilder nutzlos sind. Es folgt, dass ein Bild allein nicht sagt, woher Ihr Schmerz kommt. Nur der Abgleich zwischen dem, was das Bild zeigt, und dem, was die Untersuchung ergibt, tut das. Ein Vorfall, der auf dem Bild eindrucksvoll aussieht, aber nicht zu Ihren Beschwerden passt, ist nicht Ihr Problem – und er ist kein Grund für eine Operation.
Wie es meistens weitergeht
Der Verlauf folgt oft einem Muster. Die ersten sechs bis zehn Wochen sind von Schmerz und eingeschränkter Beweglichkeit geprägt. Danach beginnt die Besserung: Alltägliches wird wieder möglich, der Schmerz kommt später und fällt schwächer aus. Diese zweite Phase dauert noch einmal sechs bis zehn Wochen. Danach sind viele beschwerdefrei und merken höchstens bei starker Belastung noch etwas.
Der Grund dafür ist bemerkenswert: Der Körper baut das ausgetretene Gewebe ab. Eine Übersichtsarbeit über 31 Studien mit 2.199 Patienten fand eine spontane Rückbildung bei rund 77 Prozent. Und – das ist der Teil, der den meisten Menschen gegen die Intuition geht – je größer der Vorfall, desto wahrscheinlicher die Rückbildung. Bei einem abgelösten Sequester lag sie in einzelnen Untersuchungen bei 96 Prozent. Das Immunsystem erkennt freiliegendes Bandscheibengewebe als fremd und räumt es ab; je mehr davon frei liegt, desto gründlicher.
Ein großer Vorfall auf dem Bild ist also kein Grund zur Panik. Häufig ist er sogar der mit der besseren Prognose.
Was wir tun
In den ersten Wochen
Schmerzmittel, damit Sie schlafen und sich bewegen können, und rhythmische Bewegung im Wechsel mit Schonung. Nicht Bettruhe – die verschlechtert den Verlauf. Bewegung ist bei einer Bandscheibe keine Belastung, sondern die Ernährung.
Die gezielte Spritze an die Nervenwurzel
Wenn Schmerzmittel und Bewegung nicht ausreichen, bringt eine gezielte Injektion an die gereizte Nervenwurzel oft den Ausschlag. Unter Röntgenkontrolle setzen wir eine Nadel unmittelbar an die betroffene Stelle und geben dort ein Betäubungsmittel und ein entzündungshemmendes Medikament ab – die periradikuläre Therapie, kurz PRT. Sie beruhigt den Nerv und dämpft die Entzündung. Häufig sind mehrere Behandlungen nötig.
Bei uns ist die PRT eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen; ambulant wird sie andernorts oft nur gegen Selbstzahlung angeboten.
→ Mehr über die PRT: Ablauf, Kosten und wann sie sinnvoll ist
Danach
Die Spritze kauft Zeit, sie heilt nichts. Was in dieser Zeit an Beweglichkeit und Kraft aufgebaut wird, entscheidet darüber, wie es in einem Jahr aussieht. Dafür gibt es Programme, die Ihre Krankenkasse vollständig bezahlt.
Wann eine Operation sinnvoll ist
Zwei Situationen sprechen klar dafür: eine deutliche, zunehmende Schwäche der Muskulatur, und die oben genannten Notfallzeichen. Dann ist die Operation nicht eine Option unter mehreren, sondern die Behandlung.
In allen anderen Fällen lohnt der Blick auf die Studienlage. Eine niederländische Studie mit 283 Patienten verglich die frühe Operation mit abwartender Behandlung bei Ischiasschmerz durch einen Bandscheibenvorfall. Die Operierten wurden etwa doppelt so schnell beschwerdefrei – ein realer Vorteil, wenn man starke Schmerzen hat. Nach einem Jahr und nach zwei Jahren war das Ergebnis in beiden Gruppen gleich.
Die Operation verkürzt also vor allem das Leiden, sie verbessert nicht das Endergebnis. Ob dieser Zeitgewinn die Operation wert ist, hängt davon ab, wie stark Ihre Schmerzen sind und wie lange sie schon anhalten – das ist eine Abwägung, die Ihnen niemand abnehmen kann, die Sie aber nicht allein treffen müssen.
Wir operieren selbst nicht. Das nimmt aus dieser Beratung einen Interessenkonflikt heraus.
Häufige Fragen
Muss ich mich schonen?
Nein, im Gegenteil – über das erste akute Stadium hinaus schadet Schonung. Die Bandscheibe lebt von Bewegung, und die Rückenmuskulatur baut schnell ab. Bewegen Sie sich im Rahmen dessen, was der Schmerz zulässt.
Kann der Vorfall wieder verschwinden?
Ja, und das ist der Regelfall. In rund drei von vier Fällen baut der Körper das ausgetretene Gewebe selbst ab.
Brauche ich ein MRT?
Nicht immer. Ein Bild ist sinnvoll, wenn es die Behandlung ändert – vor einer gezielten Injektion oder einer Operation, bei Lähmungszeichen, oder wenn die Beschwerden trotz Behandlung bleiben. Ein Bild zu Beginn eines typischen Verlaufs ändert meist nichts. Ein erfahrener Arzt kann schon vor dem MRT eine klare Diagnose stellen und die passenden Therapien heraussuchen.
Ich habe einen Vorfall auf dem Bild, aber kaum Schmerzen. Was nun?
Dann behandeln wir nicht das Bild. Ein Vorfall ohne passende Beschwerden ist ein Zufallsbefund, und Zufallsbefunde sind bei Erwachsenen häufig.
Kommt der Vorfall wieder?
Das kann geschehen, ist aber nicht das wahrscheinlichste. Was das Risiko am ehesten senkt, ist genau das, was auch die Heilung fördert: regelmäßige Bewegung und eine kräftige Rumpfmuskulatur.
