Kalkschulter
Die Kalkschulter wird gern mit den übrigen Sehnenbeschwerden in einen Topf geworfen. Sie gehört nicht dorthin. Bei einem Tennisellenbogen oder einer Achillodynie ist die Sehne umgebaut und überlastet; bei der Kalkschulter hat sich in der Sehne der Rotatorenmanschette ein Kalkdepot gebildet – ein aktiver, geregelter Vorgang, der eigenen Phasen folgt und in aller Regel von selbst wieder endet.
Das ist der Grund, warum die Behandlung eine andere ist. Und warum die schlimmste Phase dieser Erkrankung das beste Zeichen ist.
Die Phasen – und warum der stärkste Schmerz ein gutes Zeichen ist
Der Körper durchläuft bei der Kalkschulter einen Zyklus, den man seit Langem kennt.
Zuerst wandelt sich Sehnengewebe an einer Stelle in knorpelähnliches Gewebe um. In dieses Gewebe lagert der Körper Kalk ein – die Bildungsphase. Danach folgt eine Ruhephase, die Monate bis Jahre dauern kann. In dieser Zeit bestehen oft nur mäßige, belastungsabhängige Beschwerden, manchmal gar keine.
Dann beginnt der Körper, das Depot wieder abzubauen. In dieser Auflösungsphase wandern Zellen ein, der Kalk verflüssigt sich, das Depot steht unter Druck und kann in den darüberliegenden Schleimbeutel austreten. Das ist die Phase mit den heftigsten Schmerzen – oft plötzlich einsetzend, nachts kaum auszuhalten, der Arm lässt sich nicht mehr heben.
Und genau diese Phase ist die, nach der es vorbei ist. Anschließend baut der Körper die Sehne wieder auf.
Wer in dieser Zeit zu uns kommt, hat verständlicherweise das Gefühl, es sei etwas kaputtgegangen. Tatsächlich räumt der Körper gerade auf. Das ändert nichts daran, dass die Schmerzen behandelt gehören – aber es ändert alles an der Frage, ob man eingreifen muss.
Woran man es erkennt
Schmerzen an der Außenseite der Schulter, oft in den Oberarm ausstrahlend. Das Heben des Arms zur Seite ist zwischen etwa sechzig und hundertzwanzig Grad am schlimmsten. Nachts auf der betroffenen Seite zu liegen wird unmöglich. In der akuten Phase kommt der Schmerz häufig ohne erkennbaren Anlass, innerhalb von Stunden.
Nach der Untersuchung sichern wir die Diagnose mit einer Bildgebung wie Ultraschall oder MRT, denn ein Kalkdepot lässt sich nicht ertasten.
Was ein Kalkdepot auf dem Bild bedeutet
Weniger, als man denkt. Untersuchungen mit hochauflösendem Ultraschall finden Kalkdepots bei 17 bis 24 Prozent beschwerdefreier Frauen zwischen 18 und 65 Jahren. Ältere Untersuchungen kamen auf niedrigere Zahlen, weil sie weniger empfindlich waren. Und von den Menschen mit einem Depot bekommt etwa die Hälfte überhaupt jemals Beschwerden.
Ein Kalkdepot ist also kein Befund, der behandelt werden muss, weil er da ist. Behandelt wird, wenn er weh tut – und was weh tut, muss zur Untersuchung passen.
Was wir tun
In der akuten Phase
Schmerzmittel in ausreichender Dosis, damit Sie schlafen können, Kühlung, und den Arm so weit bewegen, wie es geht. Vollständige Ruhigstellung führt hier rasch zu einer Einsteifung der Schulter, die anschließend länger braucht als die Kalkschulter selbst. Physiotherapie hält die Beweglichkeit, auch wenn sie das Depot nicht beeinflusst.
Bei rund drei von vier Patienten führt diese nicht-eingreifende Behandlung zu einem guten Ergebnis.
Stoßwellentherapie
Die Stoßwellentherapie ist bei der Kalkschulter das am besten untersuchte Verfahren. Sie zielt darauf, den Abbau des Depots anzustoßen. In Nachuntersuchungen war sie bei etwa siebzig Prozent der Behandelten erfolgreich; ungefähr jeder Fünfte brauchte im Lauf von vier Jahren dennoch eine Operation.
Bei der Kalkschulter rechnen wir die Stoßwellentherapie als Selbstzahlerleistung ab.
→ Mehr über die Stoßwellentherapie: Ablauf, Kosten und wann sie sinnvoll ist
Nadelung des Depots
Beim sogenannten Needling wird das Depot unter Ultraschallkontrolle mit einer Nadel punktiert und, wenn es bereits verflüssigt ist, abgesaugt oder ausgespült. Das wirkt vor allem in der Auflösungsphase und kann den heftigen Schmerz rasch nehmen. In Untersuchungen erreichten etwa drei von vier Behandelten ein sehr gutes Ergebnis.
Warum wir mit Kortison vorsichtig sind
Eine Kortisonspritze in den Schleimbeutel nimmt den akuten Schmerz gut. Sie greift allerdings in genau den Vorgang ein, der die Erkrankung beendet: Sie dämpft die Entzündungsreaktion, mit der der Körper den Kalk abräumt. Ob sie den Verlauf dadurch verlängert, ist nicht abschließend geklärt – die Studienlage dazu ist uneinheitlich und wird kontrovers diskutiert.
Wir setzen sie deshalb dort ein, wo der Schmerz anders nicht beherrschbar ist, und nicht als Standard. Und wir sagen Ihnen, warum wir zögern, statt einfach nein zu sagen.
Wann operiert wird
Selten, und nicht vor Ablauf von etwa sechs Monaten konsequenter nicht-operativer Behandlung. Der Grund für die Zurückhaltung ist derselbe wie oben: Die Kalkschulter ist eine Erkrankung, die in der Mehrzahl der Fälle von selbst endet. Eine Operation, die man ein halbes Jahr später nicht mehr gebraucht hätte, ist eine Operation zu viel.
Wir operieren selbst nicht. Wenn Ihnen ein Eingriff vorgeschlagen wurde, schauen wir uns Befunde und Bilder ohne eigenes Interesse am Ausgang mit Ihnen an.
Häufige Fragen
Löst sich der Kalk wirklich von allein auf?
In der Mehrzahl der Fälle ja. Der Körper baut das Depot selbst ab – das ist kein Zufall, sondern der letzte Schritt eines Zyklus, den er durchläuft.
Wie lange dauert das?
Das lässt sich schlecht vorhersagen. Die Ruhephase kann Monate bis Jahre dauern, die schmerzhafte Auflösungsphase meist Wochen. Was wir beeinflussen können, ist vor allem der Schmerz in dieser Zeit.
Kann man den Kalk durch Ernährung beeinflussen?
Nein. Das Depot hat nichts mit der Kalkzufuhr über die Nahrung zu tun; es entsteht durch einen lokalen Umbauvorgang im Sehnengewebe.
Ich habe ein Kalkdepot, aber kaum Schmerzen. Muss das weg?
Nein. Ein Kalkdepot ohne passende Beschwerden ist ein Zufallsbefund, und Zufallsbefunde sind häufig.
Darf ich die Schulter bewegen?
Ja, und Sie sollten. Ruhigstellung führt zur Einsteifung, und eine eingesteifte Schulter ist am Ende das größere Problem.
