Chronische Schmerzen
Wenn Schmerzen über Monate oder Jahre anhalten oder immer wiederkehren, verändert sich ihr Charakter. Sie sind dann nicht mehr die Meldung einer Verletzung, sondern ein eigenständiges Problem – und deshalb wirken die Behandlungen, die bei akuten Schmerzen helfen, immer schlechter.
Das ist keine Einbildung und kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Lernvorgang, der über das Ziel hinausgeschossen ist.
Zwei Arten von Schmerz
Die erste kennt jeder: der Verletzungsschmerz. Er tritt mit der Verletzung auf und verschwindet, während das Gewebe heilt – nach Tagen, Wochen, bei schweren Verletzungen nach Monaten.
Dabei geschieht aber noch etwas anderes. Das Gehirn speichert die ganze Situation: den Ort, die Bewegung, die Umstände, wer dabei war, was daraus folgte. Diese Informationen liegen im Schmerzgedächtnis, damit Sie beim nächsten Mal früher gewarnt werden.
Daraus entsteht die zweite Art: der Warnschmerz. Er meldet keine Verletzung, sondern eine erinnerte Gefahr. Er fühlt sich exakt genauso an wie die erste Art – es gibt keinen Schmerz zweiter Klasse.
Die Alarmanlage
Im Hintergrund läuft ununterbrochen ein lernendes Schutzprogramm, ungefähr wie ein Virenscanner: Es prüft alles, was im Körper und in der Umgebung geschieht, auf bekannte Gefahrenmuster. Erkennt es eines, schlägt es Alarm – über Schmerz, über Steifheit, über Unwohlsein oder Angst.
Wie empfindlich diese Anlage eingestellt ist, hängt davon ab, was ein Mensch erlebt hat. Je mehr schmerzhafte oder angsteinflößende Erfahrungen jemand gemacht hat – vor allem solche, in denen er sich hilflos fühlte –, desto aktiver wird sie.
Und irgendwann wird der Schutz selbst zum Problem. Die Schmerzen werden stärker, häufiger und länger. Sie breiten sich aus: Wer jahrelang Schmerzen im unteren Rücken hatte, bekommt später oft welche an der Brustwirbelsäule oder im Nacken, dann Kopfschmerzen, dann an weiteren Gelenken.
Wenn deutlich mehr Schmerz entsteht, als eine tatsächliche Verletzung erklären würde, spricht man von einer Schmerzerkrankung: einem Schmerz, der seine Warnfunktion verloren hat und das Leben bestimmt.
Zwei Beispiele
Rückenschmerz, der über Jahre wächst
Am Anfang meldet er sich nur nach ungewohnter Belastung – ein Tag im Garten – oder nach langem Sitzen. Beides sind sinnvolle Meldungen: einmal Überlastung, einmal zu wenig Bewegung und schlechte Durchblutung.
Normalerweise reagiert man darauf, ändert die Haltung, bewegt sich. Wird die Meldung dauerhaft ignoriert, oder kommen Verletzungen, Schlafmangel, Stress, Ängste oder andere Erkrankungen hinzu, wird die Anlage mit den Jahren lauter. Der Schmerz wird stärker, häufiger und wandert – ins Gesäß, in den Oberschenkel, die Wirbelsäule hinauf.
Der Erinnerungsschmerz nach einem Bandscheibenvorfall
Viele Menschen bekommen Monate oder Jahre nach einem ausgeheilten Bandscheibenvorfall erneut Schmerzen, die den ersten zum Verwechseln ähneln. Der Gedanke kommt sofort: bitte nicht schon wieder.
Meistens ist es kein neuer Vorfall, sondern ein Erinnerungsschmerz aus dem Schmerzgedächtnis, der genau das verhindern will. In gewisser Weise ist das sinnvoll. Wenn er aber beim leichtesten Bücken anspringt, schützt er nicht mehr, sondern schränkt ein.
Warum Schmerz bei jedem anders ankommt
Weil jeder andere Erfahrungen mitbringt – und weil jeder anders darauf reagiert. Wer aktiv bleibt, sich bewegt, Umstände verändert, kommt anders durch als wer schont und vermeidet oder wer durchhält, bis nichts mehr geht.
Beteiligt sind außerdem Dinge, die man selten mit Schmerz in Verbindung bringt: Schlafmangel, dauerhafte Über- oder Unterforderung, unregelmäßige Ernährung, Alkohol und Tabak. Sie alle verändern, wie empfindlich Nervenzellen auf Signale reagieren.
Chronischer Schmerz ist immer situationsabhängig und zeigt ein erhöhtes Schutzbedürfnis an. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wo es weh tut, sondern wovor der Schmerz schützen will.
Was das ausdrücklich nicht heißt
Nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind. Sie entstehen im selben System und fühlen sich gleich an.
Nicht, dass Sie selbst schuld sind. Die Alarmanlage stellt sich nicht ein, weil jemand etwas falsch gemacht hat, sondern weil sie funktioniert hat – zu gut.
Und nicht, dass es eine rein psychische Angelegenheit ist. Dass Stress und Stimmung die Schmerzempfindlichkeit verändern, ist ein körperlicher Vorgang und kein Urteil über den Menschen.
Wie wir vorgehen
Am Anfang steht Zeit. Eine Schmerzerkrankung lässt sich nicht in einem Zehn-Minuten-Termin erfassen; wir brauchen Ihre Vorgeschichte, den Verlauf, die Behandlungen, die schon versucht wurden, und ein Bild Ihrer Lebensumstände. Erst wenn erkennbar ist, welche Faktoren den Schmerz aufrechterhalten, wird eine gezielte Behandlung möglich.
Die Behandlung selbst braucht mehr als eine Fachrichtung. Neben der ärztlichen Seite sind vor allem Physiotherapie und Psychologie beteiligt – und je enger diese zusammenarbeiten, desto besser das Ergebnis. Für schwere Verläufe gibt es dafür die multimodale Schmerztherapie, in der ein Team gemeinsam mit dem Patienten arbeitet.
Was wir hier selbst anbieten: die ärztliche Schmerztherapie einschließlich gezielter Injektionen, wo sie sinnvoll sind, die Akupunktur als Verfahren, das die körpereigene Schmerzhemmung anspricht, und die Einbindung in eine Bewegungstherapie – denn Bewegung wirkt auf die Empfindlichkeit des Schmerzsystems ein, nicht nur auf Muskeln und Gelenke.
Warum wir mit starken Schmerzmitteln zurückhaltend sind
Bei chronischen Schmerzen, die nicht durch eine Tumorerkrankung verursacht sind, ist der langfristige Nutzen starker Opioide begrenzt und der Preis hoch: Gewöhnung, nachlassende Wirkung, Nebenwirkungen, und im ungünstigen Fall eine zusätzliche Abhängigkeit von einem Medikament, das die eigentliche Ursache nicht berührt.
Das heißt nicht, dass sie nie in Frage kommen. Es heißt, dass sie befristet, mit klarem Ziel und mit einer Absprache darüber eingesetzt werden, wann wir sie wieder beenden – und nicht als Dauerlösung, weil sonst nichts mehr einfällt.
Häufige Fragen
Bedeutet chronisch, dass es nie wieder aufhört?
Nein. Eine überempfindliche Alarmanlage lässt sich wieder herunterregeln – es dauert nur länger als das Abheilen einer Verletzung, und es geht selten über ein einzelnes Verfahren.
Warum hilft mir die Spritze nicht mehr, die früher geholfen hat?
Weil sie dort ansetzt, wo das Problem einmal war. Wenn der Schmerz inzwischen aus dem System selbst kommt, trifft sie nicht mehr das, was ihn unterhält.
Ich soll mich bewegen, aber es tut weh.
Das ist der schwierigste Teil, und er lässt sich nicht wegreden. Der Weg führt über eine Belastung, die knapp unterhalb dessen bleibt, was die Alarmanlage auslöst – und die von dort aus langsam wächst. Allein ist das kaum zu steuern, deshalb gehört Anleitung dazu.
Muss ich zum Psychologen?
Müssen nicht. Aber wenn Stress, Schlaf, Ängste oder eine gedrückte Stimmung den Schmerz mit unterhalten, ist es der wirksamste Hebel, den es gibt – und kein Eingeständnis, dass der Schmerz nicht echt sei.
Wie lange dauert eine solche Behandlung?
Monate, meist eher länger. Wir legen zu Beginn fest, woran wir Fortschritt messen, damit Sie und wir es merken, wenn sich etwas bewegt.
