Arthrose
Arthrose ist kein Zustand, den man hat oder nicht hat. Sie ist ein normaler, altersentsprechender Gelenkverschleiß, der aus dem Gleichgewicht geraten ist – mit übermäßiger Bewegungseinschränkung und mit Schmerzen.
Das klingt nach einer Feinheit, ist aber der ganze Unterschied. Wer Arthrose für einen Defekt hält, sucht nach einer Reparatur. Wer sie als gestörtes Gleichgewicht versteht, fragt, was es gestört hat – und was es zurückbringt. Diese zweite Frage ist die, auf die es Antworten gibt.
Warum Gelenke altern – und warum das keine Krankheit ist
Als sich in der Evolution das Knorpelskelett zum Knochenskelett wandelte, um an Land besser zurechtzukommen, hatte das einen Nebeneffekt: Die Ernährung und Regenerationsfähigkeit des Gelenkknorpels wurde schlechter. Seither nimmt bei allen Tieren mit Knochenskelett – von den Dinosauriern bis zu den Säugetieren – die Knorpeldicke im Laufe des Lebens ab.
Der Körper antwortet darauf: Er baut gelenknah Knochen an, um Kraft besser zu verteilen, und verdickt die Gelenkkapsel, um zu stabilisieren. Das Gelenk wird dadurch plumper und weniger beweglich, aber stabiler – und der Knorpel wird entlastet.
Dass dies kein Verschleiß im Sinne von Abnutzung ist, zeigt ein Blick zur Seite: Wale, die lebenslang im Wasser entlastet sind, entwickeln dieselben Veränderungen. Und beim Menschen findet man sie auch an Gelenken, die überhaupt keine Last tragen, etwa an den Fingern. Haie dagegen, die ein Knorpelskelett behalten haben, kennen keinen Gelenkverschleiß.
Solange diese Anpassung im Gleichgewicht bleibt, sieht man sie im Röntgenbild oder sogar mit bloßem Auge – aber sie tut nicht weh. Je älter Menschen werden, desto mehr Gelenkverschleiß haben sie. Nicht alle älteren Menschen haben Gelenkschmerzen.
Wann aus Verschleiß eine Arthrose wird
Erst wenn das Gleichgewicht kippt, entsteht übermäßiger Verschleiß mit übermäßiger Bewegungseinschränkung und Schmerz. Kommt eine schmerzhafte Gelenkentzündung hinzu, spricht man von einer aktivierten Arthrose.
Was das Gleichgewicht stört, ist eine lange Liste, und das meiste davon kennen Sie: angeborene Fehlstellungen, frühere Gelenkverletzungen, Bewegungsmangel, einseitige Belastung ohne Erholung, eine schwache gelenkführende Muskulatur. Dazu Diabetes, Gicht, Fettstoffwechselstörungen, dauerhaft erhöhte Stresshormone, zu wenig Schlaf, Unter- wie Überernährung, Alkohol, Rauchen.
Also im Wesentlichen dasselbe, was auch dem übrigen Körper zusetzt und ihn schneller altern lässt. Wie widerstandsfähig jemand dagegen ist, entscheidet zu großen Teilen die Veranlagung – weshalb manche Menschen früh eine Arthrose bekommen und andere nie.
Bewegung und Kraft: die eigentliche Behandlung
„Motion is lotion”
Gelenkknorpel ist nicht durchblutet. Seine Zellen kommen nur an Nährstoffe, wenn wir uns bewegen: Beim abwechselnden Be- und Entlasten saugt sich der Knorpel voll und drückt Abfallstoffe aus, wie ein Schwamm.
Bewegung ist für ein Gelenk also das, was Creme für trockene Haut ist. Und wie bei sehr trockener Haut gilt: Ist das Gleichgewicht gestört, muss man öfter cremen. Bei Arthrose heißt das mehrmals täglich Bewegung, nicht einmal pro Woche Sport.
Wie viel das ausmacht, lässt sich beziffern. Zweimal täglich fünfzehn Minuten zügig spazieren gehen – zügig heißt mindestens hundert Schritte pro Minute – senkt die Wahrscheinlichkeit, ein künstliches Kniegelenk zu brauchen, um sechzehn Prozent. Werden daraus zwanzig Minuten mit Stöcken, trainieren Sie nebenbei Herz und Kreislauf mit.
„You can’t go wrong getting strong”
Untersuchungen bei Kniearthrose zeigen, dass ein hochintensives Übungsprogramm über drei Monate mehr Schmerzlinderung und mehr Lebensqualität bringt als ein niedrigintensives. Das ist wichtig, weil viele Patienten das Gegenteil erwarten – und weil Schonprogramme deshalb so beliebt sind.
Krafttraining verbessert die Gelenkführung und regt die Regeneration des gesamten Bewegungsapparats an. Für Knochen ist überhaupt nur eine hohe Belastung ein ausreichender Reiz, um nicht abgebaut zu werden. Und ein Koordinationstraining verhindert Stürze und damit neue Gelenkverletzungen: Eine kräftige Muskulatur fängt Spitzenbelastungen ab, die sonst Knorpel und Knochen abfangen müssten.
Darf ich mit Schmerzen trainieren?
Ja. Solange keine frische Verletzung vorliegt, ist Belastung mit einem gewissen Maß an Schmerz unproblematisch. Damit Sie es sicher steuern können, gibt es ein Ampelschema auf einer Skala von 0 bis 10:
Grün – Schmerz 0 bis 2: keine Einschränkungen.
Gelb – Schmerz 3 bis 5 während der Belastung und bis höchstens eine Stunde danach: gute Belastung, noch keine Überlastung. Weitermachen.
Rot – Schmerz 3 bis 5, der länger als eine Stunde anhält, oder Schmerz über 5 während der Belastung: Überlastung. Belastung reduzieren.
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Erholung gehört dazu
Wer viel trainiert, braucht Pausen dazwischen. Für die meisten Menschen reicht ein Training zweimal pro Woche; an den Tagen dazwischen regeneriert der Körper. Ebenso wichtig ist ausreichender, erholsamer Schlaf – wenn es damit dauerhaft Probleme gibt, gehört das abgeklärt.
Was Sie darüber hinaus beeinflussen können
Gewicht und Entzündung
Übergewicht wirkt nicht nur mechanisch. Es erhöht den allgemeinen Entzündungsgrad im Körper, was alle Gewebe schädigt und das Schmerzsystem empfindlicher macht. Das erklärt, warum übergewichtige Menschen mehr Arthrose auch an Gelenken haben, die gar keine Last tragen – an den Fingern etwa. Jede Erhöhung des Body-Mass-Index um fünf Punkte erhöht das Risiko einer Kniearthrose um fünfunddreißig Prozent.
Denselben Effekt haben Diabetes, Rauchen, Alkohol, zuckerreiche Ernährung, Schlafmangel, Stress und Bewegungsmangel. Wer an Diabetes, Gicht oder einer Fettstoffwechselstörung leidet, sollte sie gemeinsam mit dem Hausarzt gut einstellen – das ist Arthrosebehandlung, auch wenn es nicht danach aussieht.
Schlaf, Stress und Entspannung
Täglich durchgeführte Entspannungsverfahren senken Schmerz, verbessern den Schlaf und helfen gegen Stress. Schon fünfzehn Minuten Meditation, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung am Morgen oder Abend wirken – vorausgesetzt, es geschieht täglich. Je mehr Übung, desto größer der Effekt.
Ernährung und Nahrungsergänzung
Eine Ernährungsumstellung mit dem Ziel, den allgemeinen Entzündungsgrad zu senken, hat vor allem bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen eine positive Studienlage und kann sich auch bei Arthrose auswirken. Als eher entzündungsfördernd gelten Zucker, stark raffinierte Kohlenhydrate, Zusatzstoffe, raffiniert erhitzte Pflanzenöle, rotes Fleisch und Gegrilltes; als entzündungssenkend Gemüse, unverarbeitete Nüsse, Fisch, kaltgepresstes Olivenöl und polyphenolreiche Lebensmittel wie grüner Tee. Drei Monate konsequente Umsetzung genügen, um abzuschätzen, ob es bei Ihnen etwas bewirkt.
Für Knorpelbausteine als Nahrungsergänzung – Chondroitin um 1.200 mg und Glucosamin um 1.500 mg täglich – gibt es Hinweise auf einen tendenziell positiven Effekt bei mehrmonatiger Einnahme. Achten Sie auf eine ausreichende Dosierung; viele Produkte sind zu niedrig dosiert.
Für die Knochengesundheit zählen Belastung und ein hochnormaler Vitamin-D-Spiegel. Zusätzliches Kalzium ist bei ausgewogener Ernährung meist nicht nötig und für die Blutgefäße eher ungünstig.
Wenn das nicht reicht
Schmerzmedikamente
Sie sind kein Selbstzweck, sondern sollen Bewegung und Training überhaupt ermöglichen. Bei einer aktivierten Arthrose helfen entzündungshemmende Mittel. Bei oberflächlich liegenden Gelenken – Knie, Ellenbogen, Hand, Fuß – reicht manchmal die Creme oder das Gel; tiefer liegende Gelenke wie die Hüfte erreicht das nicht.
Pflanzliche Präparate wie Curcumin, Boswellia, Teufelskralle, MSM oder CBD zeigen in einzelnen Untersuchungen positive Tendenzen, wirken aber nicht sofort, sondern erst nach Wochen konsequenter Einnahme – und haben, wie Medikamente, auch Nebenwirkungen. Verlässliche Studien sind hier selten.
Spritzen in das Gelenk
Kortison senkt eine Entzündung zuverlässig, aber nur für wenige Wochen. Einige Studien deuten auf einen eher gelenkschädigenden Effekt hin, besonders bei wiederholter Injektion in kurzen Abständen. Kortison bleibt damit ein Notfallmittel für stark entzündete, sehr schmerzhafte Gelenke – nicht die Standardbehandlung.
Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkflüssigkeit, verbessert die Gleitfähigkeit und hilft bei der Regulation von Entzündungen im Gelenk. Ihr Effekt setzt später ein und zielt eher auf eine längerfristige Verbesserung.
Eigenbluttherapie
Aus Ihrem Blut gewonnene Wachstumsfaktoren sollen die körpereigene Wiederherstellung anstoßen. Eine Besserung tritt nicht sofort ein, sondern nach Wochen bis Monaten – der Reparaturvorgang muss erst anlaufen. Die Langzeitwirkung lag in den vorliegenden Untersuchungen über der von Kortison oder Hyaluronsäure.
Weitere Verfahren
Bei Arthrose überlastet die veränderte Mechanik häufig Sehnen, Muskelansätze und Bänder rund um das Gelenk. Wo das der Fall ist, kann die Stoßwellentherapie die Heilung dieser Strukturen anregen. Die Akupunktur beruhigt ein überaktives Schmerzsystem und hat bei Kniearthrose eine gute Studienlage – dort ist sie auch Kassenleistung. Bandagen können am Sprunggelenk und am Knie Schmerzen lindern, Einlagen an Fuß, Knie und Hüfte. Und Hochlagerung, Kühlung oder Wärme helfen nach vermehrter Belastung – so wie bei Sportlern nach dem Training, nicht als Dauerzustand.
Ein Programm, das Ihre Kasse bezahlt
Für Arthrose an Knie und Hüfte gibt es GLA:D, ein strukturiertes Programm aus Schulung und angeleitetem Training über zwölf Wochen, das die gesetzlichen Krankenkassen vollständig tragen. Es setzt genau dort an, wo nach allem oben Gesagten der größte Hebel liegt – und kostet Sie nichts.
Wann eine Operation infrage kommt
Wenn die genannten Möglichkeiten über einen angemessenen Zeitraum ausgeschöpft sind und das Gelenk Ihr Leben weiterhin bestimmt, wird die Frage nach einem Gelenkersatz berechtigt. Was den Erfolg einer solchen Operation am stärksten vorhersagt, ist nicht die Technik, sondern die sauber gestellte Indikation.
Wir operieren selbst nicht. Das nimmt aus dieser Beratung einen Interessenkonflikt heraus.
Häufige Fragen
Nutzt sich mein Gelenk durch Bewegung schneller ab?
Nein, das Gegenteil trifft zu. Knorpel wird durch Bewegung ernährt und durch Schonung schlechter versorgt.
Auf dem Röntgenbild sieht es schlimm aus. Ist es das?
Nicht unbedingt. Wie stark der Verschleiß im Bild aussieht und wie stark die Beschwerden sind, hängen nur lose zusammen. Behandelt werden Ihre Beschwerden, nicht das Bild.
Kann sich Knorpel wieder aufbauen?
Nachwachsen wie vorher nicht. Was sich verbessern lässt, ist alles andere: Gelenkführung, Kraft, Beweglichkeit, Entzündungsgrad, Schmerzempfindlichkeit. Das genügt in vielen Fällen für ein Leben ohne Operation.
Gibt es ein Mittel, das Arthrose heilt?
Nein. Ein Allheilmittel existiert nicht, und wer eines verspricht, verspricht zu viel. Was hilft, ist eine Kombination mehrerer Bausteine – und nicht jeder wirkt bei jedem gleich gut.
Sollte ich abnehmen?
Wenn Übergewicht besteht, ja – und zwar aus zwei Gründen: weniger Last auf dem Gelenk und weniger Entzündung im ganzen Körper. Der zweite Grund ist der, den fast niemand nennt.
